Yamaha XV 1900 Spyke -Edeleisen
Wenn schon teurer Umbau, dann auf Harleybasis - das sagen sich viele. Dass es auch anders geht, beweist die wunderschöne Spyke auf Yamaha-Basis. So viel Drehmoment und Komfort hat zudem kaum ein Milwaukee- Eisen.
„Walter Tanner hier. Komm rüber, sie ist fertig. Ich habe sie zwar schon so gut wie verkauft, aber eine Probefahrt darfst du damit schon noch machen.“ So begann vor ein paar Wochen ein Telefongespräch mit Yamaha-Händler Walter Tanner in Pfäffikon. Logisch griff ich die Gelegenheit beim Schopf: Wann hat unsereins schon mal die Möglichkeit, ein knapp 60‘000 Franken teures Motorrad zu fahren?
Erster Eindruck: Boahh! Man steht davor und lässt das Gesamtkunstwerk auf sich einwirken. Ein wenig einschüchternd wirkt sie mit ihrem fetten Hinterreifen ja schon. Andererseits garantiert ihre Yamaha-Grundkonstruktion für leichte Fahrbarkeit.

der breite Stretchtank ist immer im Blickfeld. Da sollte er schon schön lackiert sein. Der Tachometer stammt von der ursprünglichen Midnight Star.
Wie gesagt ist die Spyke eine veredelte Midnight Star. Also solche wird sie von der Firma Hostettler in die Schweiz importiert. Danach gelangt sie nach Deutschland zur Firma HM Deluxe in Bocholt. Diese Firma hat sich auf Customparts für Motorräder spezialisiert, macht aber auch Komplett- Umbauten. Die Midnight Star wird nun einer Radikalkur unterzogen: fast alle Anbauteile werden abgeschraubt und neue Teile befestigt. Ins Auge in erster Linie natürlich der Heckumbau. Die orginale Yamaha rollt hinten auf einem 190er-Reifen - der ist natürlich für die angepeilte Klientele viel zu schmal. Ein 250er-Reifen wird also neu aufgezogen, der Zahriemen als Kraftübertragungsquelle versetzt.
Der eigentlich Clou am Heck ist jedoch das elektro-pneumatisch Luftfahrwerk. Es ist mit der Batterie verbunden. Je nach Fahrbahnart und Verwendungszweck kann dabei das Heck hoch oder runtergelassen werden. Doch dazu später mehr.
Weitere Customizing-Massnahmen betreffen das Ersetzen des riesigen Scheinwerfers, eine neue Gabelbrücke mit 330 mm Breite, einen stilechten V-Bar-Lenker und Kellermann-Blinkerchen der Marke „SnakeEye“. Besonders gut ist dabei das Kabelproblem gelöst. Damit die hässlichen „Würmer“ nicht im Blickfeld liegen, wurden die Kabel komplett ins Lenkerinnere verbannt. Die Folge ist eine sehr cleane, aufgeräumte Optik. Viel mehr ins Detail wollen wir nicht gehen, es gäbe noch Dutzende von Einzelheiten, die man aufzählen könnte. Nur eine Sache scheint mir noch besonders erwähnenswert: der Miller-Zubehör-Endschalldämpfer. Seine wuchtige, aber schnörkellose Opitk harmoniert sehr gut mit dem Gesamterscheinungsbild der Spyke.
Wie ein in Blech gehauenes
Monument kommt einem die Spyke
vor, die Lackierung trägt viel zum
Gesamteindruck bei.
Doch was ist nun mit der Probefahrt? Walter Tanner drückt mir den Schlüssel in die Hand, gibt mir aber noch ein „Pass auf, du weisst, sie ist verkauft...,“ mit auf den Weg. Normalerweise würde das nun reichen, einem das Herz in die Hose sinken zu lassen, schliesslich war der grösste Geld-Betrag, den ich jemals auf einen „Klapf“ für einen Töff ausgegeben habe, rund 12‘000 Franken. Und gerade biege ich mit dem Fünffachen davon auf die Hauptstrasse ein....
Zügig geht es nun in Richtung Einsiedeln. In welchem Gang ich mich gerade befinde, weiss ich nur so ungefähr... es ist auch nicht so entscheidend. Der luftgekühlte V2-Motor hat derart viel Drehmoment und Schwungmasse, dass man selbst im fünften Gang problemlos durch einen Kreisel cruisen kann. Am Motor selbst hat HM Deluxe nichts verändert und das ist auch gut so - denn der 90 PS starke Yamaha- Motor braucht kein Tuning: mehr als genug Kraft ist in jeder Drehzahlregion vorhanden. Nur der erste Gang ist etwas gar kurz übersetzt. Fürs Anhalten an der Ampel wähle ich daher immer den zweiten Gang - der Motor ist elastisch genug, das ohne Ruckeln zu verkraften. Ein kurzer erster Gang ist andererseits natürlich auf einer steilen Pass-Strasse-Abfahrt ideal, sonst bremst man sich mit dem 300 kg-Titanen die Bremsscheiben wund. An der Bremsanlage selbst wurde nur die Bremsscheibe (neu im Wave- Design) verändert, das Bremsverhalten ist ausgezeichnet. Wie bei einem schweren Cruiser so üblich, sollte auch immer hinten mitgebremst werden, ansonsten sind die Verzögerungswerte nicht zufriedenstellend. Die Fussrastenanlage ist von HM Deluxe und für meine langen Beine ideal positioniert. Gleiches gilt für den Lenker, der mit wenig Kraftaufwand und ziemlich geradem Rücken bedient werden kann. Überhaupt zeigt sich die Spyke von der easy-Handling-Seite. Verantwortlich hierfür ist natürlich das Yamaha-Chassis, das für einen Cruiserpilot mit etwas Erfahrung problemlos zu handeln sein sollte.

Um einen Eindruck
von den umfangreichen Umbaumassnahmen
zu haben, empfiehlt es sich
jeweils, das Orginal (eben rechts die
Yamaha XV 1900 Midnight Star) einander
gegenüberzustellen.
Nun zur Frage, wie tief der Fender am Heck über dem Reifen liegen sollte. Obercool schaut es halt schon aus, wenn es nur wenige Millimeter sind. Aber so sollte man nicht herumfahren. Denn auch auf Schweizer Strassen hat es arge Schlaglöcher und wer seine teure Spyke nicht beschädigen will, sollte dem Heckfender ein paar Zentimeter Freiraum gönnen. Vor der Beiz kann man die Spyke ja dann per Knopfdruck blitzschnell herunterlassen, damit sie vollends zum Eyecatcher wird.
Fazit
Die Midnight Star wirkt ja schon in ihrer
Serienversion mächtig und beherrschend.
Aber erst in der Spyke-Version
wird sie zu einem Eye-Catcher sondergleichen.
Dank Yamaha-Grundtechnik
ist das Bike problemlos in Sachen
Fahrbetrieb und Wartung. Das nötige
Kleingeld vorausgesetzt, erhält man
ein Motorrad mit hohem Prestigewert.
Unten links: Rückspiegel nach unten montiert - sieht cool aus, aber man sieht darin nichts, weil die Unterarme im Weg sind. Unten: Gefräster Nummernschildhalter, schön anzusehen. Ganz unten: Die Zündschlüsselbox wanderte an die rechte Fahrzeugseite (siehe Pfeil) - das ist praxisgerecht. Ganz rechts: Die runden Bremsscheiben mussten dem Wave-Desing weichen.
Quelle Text und Fotos: Redaktion Moto Sport, Michael Föhn






